
1.
Die Welt kennt Edison »Edson« Arantes do Nascimento als Pelé. Wer allerdings glaubt, dies sei sein erster Spitzname, der stinkt und lügt. Seine Mutter hatte kurz nach der Geburt einen Kosenamen parat, den sich nur Mütter ausdenken können: Dico. Später, schmale 15 Jahre alt, verpasste ihm Mannschaftskollege Wilson vom FC Santos gar den erstaunlichen Namen »Gasolina« – Benzin.
2.
Aber dennoch, machen wir uns nichts vor: »Pelé« ist der berühmteste Künstlername eines Fußballers aller Zeiten. Mit seinem Kürzel wurde Edson Arantés do Nascimento nicht nur weltbekannt, er ließ sich Erfolg und Spitznamen später aucsogarh noch vergolden, indem er Firmen und Marken mit der legendären Unterschrift vereinnahmte. Verantwortlich für den Spitznamen soll ein Kollege beim Straßengebolze gewesen sein, der allerdings zunächst heftig Keile des späteren »Fußballer des Jahrhunderts« kassieren musste – Pelé fand »Pelé« einfach zu amerikanisch. Klar, dass deshalb die Fäuste flogen.
3.
Viele Legenden ranken sich um die Namensgebung Pelés. Eine weitere geht so: »Pe-le«, schrien türkische Migrantenkinderin einem Gemisch aus ihrer Heimatsprache und portugiesisch beim Kick mit dem kleinen Edson Arantes do Nascimento, weil er einen Ball mit der Hand spielte. »Pe-le«, das heißt frei übersetzt: «Mit dem Fuß, Dummkopf.«
4.
Am 19. November 1969 legte Pelé mit seinem 1000. Tor das ganze Land lahm, wochenlang hatte Brasilien auf dieses Ereignis gewartet, ein eigens dafür engagierter Steinmetz schlug schleunigst Hammer und Meißel warm, als Pelé im Maracana seine historische Hütte geschossen hatte. Dass der 1000. Treffer ein schnöder Elfmeter gewesen war, dem zudem noch ein ziemlich merkwürdiger Elfmeterpfiff des offenbar unter Druck stehenden Schiedsrichters vorausgegangen war, interessierte hinterher keinen Menschen mehr. Nur die Zeitung »Folha de Sao Paulo« monierte zaghaft, es sei bereits das 1001. Tor Pelé gewesen, man habe einen Treffer seinerseits für die Militärauswahl übersehen… Doch die statistische Mangelmeldung ging im allgemeinen Trubel unter. Pelé erinnerte sich später: »Am nächsten Morgen gab es auf der ersten Seite der Zeitungen zwei Ereignisse: Jenes Tor Nr. 1000 und die zweite Mondlandung der amerikanischen Astronauten Conrad und Bean. Mich hat diese Gleichstellung dieser beiden Dinge eher belustigt. Was waren schon tausend Tore gegen eine Fahrt auf den Mond?« Wir hingegen möchten einwerfen: Was ist schon eine Fahrt auf den Mond gegen tausend Tore?
5.
Nette Anekdote von der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko: Während der drei Vorrundenspiele Brasiliens hingen im Quartiersort Guadalajara überall Plakate mit der Aufschrift: »Hoyno trabajamos porque vamos a ver a Pelé!« – »Heute arbeiten wir nicht, weil wir Pelé spielen sehen wollen!«
6.
Wie im Zirkus: Nach seinem Wechsel zu Cosmos New York im Jahr 1975 forderte der Vereinsvorstand, dass die Cosmos-Mannschaft doch bitte vor dem Spiel ein bisschen den Ball im Mittelkreis jonglieren solle. Dadurch könnte man das Publikum vorab schon etwas unterhalten. Die Idee wurde abgelehnt – einerseits, weil man Pelé nicht vollends zum Zirkusclown degradieren wollte und andererseits, weil außer dem brasilianischen Superstar sowieso niemand zwei Minuten lang den Ball jonglieren konnte.
7.
»Mich als menschliches Wesen stimmt traurig, dass die Welt heutzutage viel kommerzieller ist als nötig. Die Menschen verkaufen sich zu sehr.« (Zitat Pelé)
Ach so:
Schön, wenn man sich treu bleibt.
8.
Die brasilianische Nationalmannschaft engagierte zur WM 1958 einen Sportpsychologen. Die Ballkünstler waren noch immer eingeschüchtert von ihrem letzten Auftritt im WM-Halbfinale 1954: In der »Schlacht von Bern« hatten einige Ungarn in Holzfällermanier auf die Brasilianer eingehackt, so dass diese sich nun vor den Zweikämpfen mit den europäischen Kontrahenten scheuten. Der Psychologe Dr. Joao Carvalhais ließ den WM-Kader deswegen vor der ersten Partie Bilder malen, um aus diesen Zeichnungen auf die psychische Verfassung der Spieler zu schließen. Beim Anblick des Gekritzels des erst 17-jährigen Pelé fällte er ein vernichtendes Urteil: »Pelé ist zu sehr Kind geblieben. Es fehlt ihm an Kampfgeist und Verantwortungsgefühl. Er ist zu jung, um jene Einsatzfreude zu besitzen, die ein Stürmer benötigt. Er sollte in keinem Fall eingesetzt werden«, befand der Psychologe. Pelé schoss insgesamt sechs Tore, zwei davon allein im Finale gegen Schweden und wurde zum Superstar des Turniers. Wie man sich irren kann.
9.
Und auch 1970 traute man Pelé nicht allzu viel zu: Brasiliens Nationaltrainer Jose Saldanha überlegte ernsthaft den gealterten Star aus dem WM-Kader zu streichen. Offizielle Begründung: »Kurzsichtigkeit«. Saldanha wurde noch vor der WM entlassen, es übernahm der weitsichtige Mario Zagallo. Der Rest ist Geschichte.
10.
Am Tag nach dem WM-Finale von 1970, bei dem Pelé ein Tor selbst erzielte und eines vorbereitete, titelte die Londoner »Sunday Times« übergroß: »Wie wird Pelé buchstabiert? G‑O-T‑T!« Eigentlich schade, sonst hätten wir die Überschrift geklaut.
ncG1vNJzZmhpYZu%2FpsHNnZxnnJVkrrPAyKScpWeVmba0u81mmKuZnqmytHnDqGSnmaOYtq6xza2maGxgZ313fA%3D%3D