
In meiner Jugend war ich Verteidiger, weil ich zu schlecht war, um Stürmer zu sein. So kam es, dass Stürmer meine Feinde waren und zugleich meine heimlichen Helden. Eine Hassliebe. Und wenn ich hätte sagen müssen, wen auf der Welt ich als Gegenspieler am meisten gefürchtet und mit wem ich zugleich am liebsten getauscht hätte, wäre die Antwort klar gewesen: Preben Elkjaer Larsen.
An jedem Morgen im Juni 1986 saß ich, acht Jahre alt, vor mir eine Schüssel Cornflakes mit Bananen, um halb sieben vor dem Fernseher und schaute mir die Zusammenfassungen der WM-Spiele an, die in der Nacht stattgefunden hatten. Ich verstand nicht, warum in Mexiko zwanzig Sonnen vom Himmel kachelten, während es in Deutschland längst dunkel war und ich von meinem Eltern rigoros in die Monchichi-Bettwäsche gestopft wurde. Dass jemand aus derart aussichtslosen Lagen Tore schießen konnte wie Preben Elkjaer Larsen. Und warum Dänemark, für mich spätestens nach dem 2:0 gegen Deutschland der kommende Weltmeister, im Achtelfinale mit 1:5 gegen Spanien unterging.
26 Jahre später kann ich ihn das persönlich fragen. Preben Elkjaer Larsen sieht an diesem Septembernachmittag in Kopenhagen exakt so aus, wie man es 1986 vorausgesagt hätte – wie ein ehemaliger Bond-Darsteller. Blauer Anzug, schicke Schuhe, kantiges Kinn, frisch unrasiert. Er blättert beiläufig in der 11FREUNDE-Ausgabe, die ich ihm mitgebracht habe. „Für dieses Magazin muss man sehr schlau sein“, sagt er. Alles mit scharfem S. Dießes Magaßin, ßehr ßlau. Er lächelt. Ich lächele mit, bin aber verunsichert. Will er mich verschaukeln? Wahrscheinlich. Immerhin habe ich jetzt ein Gefühl dafür, wie er seine Gegenspieler damals ins Leere laufen ließ.
Im Restaurant des Tivoli bestellt er Smørrebrød für uns beide. „Sie mögen doch Smørrebrød“, sagt er, als der Kellner schon fort ist. Der Unterschied zwischen ihm und mir ist vor allem, dass ich die ganze Zeit denke: „Toll, diesen Mann mal zu persönlich treffen.“ Er denkt das nicht.
Warum auch. Es ist ja vollkommen egal, ob ich es bin, dem er was erzählt, eine Kamera oder eine Zimmerpalme – die Geschichten sind so oder so grandios, hartgekocht, pointensicher. „Der größte Moment meiner Karriere war, als ich in Verona zum ersten Mal Hans-Peter Briegel unter der Dusche sah“, sagt er. „Welch ein Körper! Wie eine Statue von Michelangelo.“
Er erzählt von seiner unbändigen Leidenschaft fürs Nikotin, wie er einmal beim Quarzen im Kölner Mannschaftsbus von Hennes Weisweiler erwischt wurde und dann „vor lauter Schreck gleich noch eine geraucht“ hat. Von seinem wohl berühmtesten Tor, dass er einst gegen Juventus Turin ohne Schuh schoss. Von den Frauen, die ihn, den jungen Bond, liebten. „Es waren viele“, sagt er. „Vielleicht sogar alle.“
Nachvollziehbar und beneidenswert. Und da ist sie wieder, die alte Hassliebe zu Stürmern. Stürmern wie ihm. So cool wäre ich auch gern. Tore schießen ohne Schuhe, Smørrebrød bestellen für alle. Aber ich bin ich, weil ich zu uncool bin, um Preben Elkjaer Larsen zu sein.
Das wird sehr deutlich, als um Punkt 12 Uhr, mir steckt gerade ein Smørrebrød quer im Mund, plötzlich ein ohrenbetäubendes Geknalle losbricht. „Was ist das?“, schreie ich panisch, schon halb unter der Tischplatte. „Och, das ist nur die Tivoli-Garde. Die spielt hier jeden Morgen ihren Tusch“, sagt Elkjaer Larsen, lässig Wasser nachschenkend. „Oder eine Bømbe!“
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