Der Ersatz-Held 11FREUNDE

December 2024 · 4 minute read

Als René Tret­schok am 10. April 1997 auf­steht, muss er kurz grinsen. Er hat heute trai­nings­frei. Und er hat er einen Plan. Er weckt seine Frau Ste­fanie, nimmt seine 20 Monate alte Tochter Anna in den Arm und setzt sich mit der Familie vor den Fern­seher. Dann schiebt er eine Video­kas­sette ein. Man hört die Cham­pions-League-Hymne, das Bild erscheint auf dem Röh­ren­fern­seher, dann das Grollen des aus­ver­kauften West­fa­len­sta­dions. Cham­pions-League-Halb­fi­nale. Hin­spiel. Borussia Dort­mund gegen Man­chester United. Die Mann­schaften laufen ein. Mit dabei: die Nummer 23 des BVB.

Schwarz-Gelber Zweck­ver­bund“

Am Tag zuvor sitzt René Tret­schok im Team­hotel Wit­te­kindshof“. 17:30 Uhr. Mann­schafts­be­spre­chung. Immer das Gleiche. Die Spieler tru­deln langsam ein. Andreas Möller hum­pelt ein wenig, Lars Ricken macht einen Scherz. Keiner lacht. Als letztes kommt Paulo Sousa, die 7‑Mil­lionen-Mark-Diva aus Por­tugal und senkt sich betont gelang­weilt auf seinen Stuhl. Ottmar Hitz­feld ver­liest die Ver­letzten. Die Liste ist lang. Wie immer in diesem Jahr. Riedle, Freund, Cesar, Tanko, Kohler, Cha­puisat sind ver­letzt“, sagt er, Sammer fällt gesperrt aus. Hier ist unsere Auf­stel­lung für heute Abend.“ Keiner sagt etwas, denn in dieser Mann­schaft gibt es schon lange nichts mehr zu sagen. Zu groß sind die Zer­würf­nisse zwi­schen Prä­si­dium, Trainer und Teilen der Mann­schaft.

René Tret­schok blickt auf den Boden. Er wird nicht von Anfang an spielen, weil er in diesem Jahr noch nie von Anfang gespielt hat. Egal wie viele Spieler aus­fielen. Des­wegen hat er bereits seinen Abschied ange­kün­digt. Köln ruft, viel­leicht der 1. FC Kai­sers­lau­tern. Er wäre gerne in Dort­mund geblieben, auch wenn die Stim­mung in der Mann­schaft selten schlechter war als in dieser Saison. Die Presse schreibt längst vom Schwarz-Gelben Zweck­ver­bund“ und umschreibt so gnädig den Umstand, dass Alpha-Tiere wie Sammer, Sousa und Möller die Kom­mu­ni­ka­tion unter­ein­ander fast voll­ständig ein­ge­stellt haben. Da hilft auch kein sport­li­cher Erfolg mehr. Tret­schok blickt auf die Tafel – und sieht die Nummer 23. Seine Nummer. Er spielt. Als Not­stürmer neben dem ange­schla­genen Heiko Herr­lich. Heute Abend. Am 9. April 1997. Im Cham­pions-League-Halb­fi­nale. Gegen Man­chester United.

Papa, Papa, Papa“

Auf der Couch im Hause Tret­schok herrscht fami­liäre Gemüt­lich­keit. Papa René ist gefes­selt vom Spiel. Dabei ist es grausam anzu­sehen, was der BVB ges­tern Abend gespielt hat: Die Rumpfelf mauert gegen den über­mäch­tigen Gegner von der Insel. Nur ab und an traut sich Schwarz-Gelb in die Offen­sive vor. Der BVB-Not­stürmer mit der Nummer 23 kriegt nicht viel hin, hängt förm­lich in der Luft. Als er in der ersten Hälfte end­lich mal den Ball bekommt, zieht er sofort ab und über­sieht den besser pos­tierten Jörg Hein­rich. Der Ball geht vorbei. Kann pas­sieren. Hein­rich winkt ab, Sousa schreit, Herr­lich schüt­telt den Kopf, Möller ist außer sich. Mitt­ler­weile ist für jeden Zuschauer sichtbar, dass es die BVB-Mann­schaft anno 1997 höchsten 90 Minuten mit­ein­ander aus­hält. 

Auch in der zweiten Halb­zeit ist das Spiel zäh. In der 75 Minute haut Uniteds Gary Pal­lister einen Befrei­ungs­schlag ins Mit­tel­feld­zen­trum, Paulo Sousa fängt den Ball ab, doch auf dem holp­rigen Rasen ver­springt dem Super­tech­niker die Kugel. Er tru­delt genau vor die Füße von René Tret­schok, der dem Super­star das Spiel­gerät förm­lich vom Fuß klaut. Majes­täts­be­lei­di­gung. Völlig Egal. Tret­schok dreht sich in Rich­tung Tor, Sousa motzt, dreht genervt ab. Tret­schok legt sich den Ball mit links vor. Einmal. Zweimal. Dann zieht er ein­fach ab. Der Ball wird leicht abge­fälscht. United-Keeper van der Gouw fliegt ins Leere. Tor. 1:0. Der Not­stürmer reißt sich das Trikot vom Leib, schließt die Augen, schreit alles raus. Er ist der Held des Abends. Der Ersatz-Held.

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Papa, Papa, Papa“, ruft Töch­ter­chen Anna auf dem hei­mi­schen Sofa, als sie Papa René in Groß­auf­nahme sieht. Er hat beide Arme in der Luft. Vor ihm explo­diert die Süd­tri­büne. Sogar die Kleine hat gespürt, dass da etwas Beson­deres pas­siert ist“, erzählt er später der Presse.

Und als er an diesem Morgen des 10. April die Zei­tungen durch­ge­guckt hat, liest er neben seinem Namen wahre Jubel­stürme. Sie nennen sie ihn Euro-Held“ und den besten Star­er­satz“. Er hat ges­tern Abend Man­chester United gekillt. Es ist sein Ein­trag in die Geschichts­bü­cher des BVB. Dann weckt er seine Ste­fanie, nimmt seine 20 Monate alte Tochter Anna in den Arm und setzt sich mit der Familie vor den Fern­seher. Dann schiebt er eine Video­kas­sette ein. Man hört die Cham­pions-League-Hymne, das Bild erscheint auf dem Röh­ren­fern­seher, dann das Grollen des aus­ver­kauften West­fa­len­sta­dions. Cham­pions-League-Halb­fi­nale. Hin­spiel. Borussia Dort­mund gegen Man­chester United. Die Mann­schaften laufen ein. Mit dabei: die Nummer 23 des BVB.

Dieser Text erschien erst­mals am 9. April 2013.

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